BRÜNNHILDEN VON HEUTE - EINE GEGENDARSTELLUNG VON CHRISTOF LOY
Eine Stellungnahme zum Artikel "Vom Absturz der Windsbräute"

Von Christine Lemke- Matwey in der Zeit vom 1. Juni 2011

Zunächst muss ich mir Luft verschaffen. Ich bin vollkommen konsterniert, einen derart schlecht recherchierten, sensationalistischen, eitlen und letztlich konfusen, und gegenüber den betroffenen Sopranistinnen derart respektlosen und verletzenden Artikel in einer Zeitung wie der "Zeit" vorzufinden.

Aufhänger für den Artikel ist ein Gespräch mit der Sopranistin Nina Stemme. Wie in einem Gruselroman wird hier das Bild von einem ständig hüstelnden Nervenwrack vermittelt, von einer Sängerin, die in den Klauen ihrer Agentur, von Auftritt zu Auftritt hetzt. Ironie des Schicksals ist, dass an dem Wochenende, an dem der Artikel erschienen ist, Nina Stemme nach mehrwöchiger Probenzeit ein mit stehenden Ovationen gefeiertes Götterdämmerungs-Brünnhilden-Debüt in San Francisco feiern konnte. Eigentlich sei sie immer krank, würde behauptet. Das Gerücht wird unhinterfragt stehengelassen, und diese Form des Journalismus zeichnet den gesamten Artikel aus.

Ich selbst habe in den letzten Jahren vier Neuproduktionen mit Nina Stemme als Regisseur erarbeitet. Sie hat keine einzige Probe bei mir abgesagt und anschließend in den Vorstellungsserien alle Vorstellungen gesungen. Auch hat sie bei allen Neuproduktionen, die ich mit ihr erarbeitet habe, keine Parallel-Engagements gehabt. Regiekollegen und Dirigenten werden ähnliches bestätigen.

Desweiteren entwirft Frau Lemke-Matwey ein Szenarium des "Raubbaus", von Terminen zwischen Tannhäuser-Vorstellungen und einem Liederabend als auch einer Wiederaufnahme von "Ariadne auf Naxos" in Wien. Frau Lemke-Matwey weiß sehr wohl, dass weder ein Liederabend noch die Partien der Elisabeth im "Tannhäuser" oder eine Ariadne zu den riskanten hochdramatischen Unternehmungen einer Sängerin gehören. Verschweigt aber diese Differenzierung, da dies natürlich längst nicht soviel Effekt bei den "Zeit"-Lesern machen wird, die ja nicht wirklich ein Opernfachpublikum sind.

Zudem bezieht sich der beschriebene Zeitraum, was auch in dem Artikel verschleiert wird, nicht etwa auf fünf aufeinanderfolgende Tage, sondern auf die letzte Periode eines mehrwöchigen Aufenthaltes in Zürich anlässlich einer Neuproduktion von "Tannhäuser", der mit einem Liederabend abgeschlossen wurde, und einer sich anschließenden fünftägigen Probenphase für die Wiederaufnahme der "Ariadne" in Wien. Tannhäuser-Elisabeth und Ariadne, beides Rollen, die von einer Sängerin wie Nina Stemme klug ausgewählt wurden, um eben nicht einen ständigen Marathon zwischen Isolden und Brünnhilden zu absolvieren.

Ich denke, dass es Frau Lemke-Matwey nicht bewusst sein kann, dass nur ein einziger Satz in dem ganzen Artikel, wo sie den Sopranistinnen "Löwinnenherzen" zugesteht, in keinem Fall die Verletzungen rechtfertigt, mit denen in kurzen Sätzen Karrieren in einem sprachlichen Jargon "abgehakt" werden, den man ekelhafterweise oft genug auf den Blogs von sogenannten Opernfans findet, man aber nicht in einer seriösen Zeitung erwartet. Evelyn Herlitzius singe "auf den Scherben ihrer Stimme". In dem Satz von den Löwinnenherzen heißt es dann aber, tolle Töne können diese Sängerinnen alle produzieren. Ja, was denn nun, bitte, Frau Lemke-Matwey? Tatsache ist jedenfalls, dass Evelyn Herlitzius drei Tage vor Erscheinen des Artikels eine umjubelte Elektra in Berlin gesungen hat.

Dann steht da ein vollkommener Unsinn von der langsam "pfleglichen Entwicklung von der Soubrette bis zur Jugendlich-Dramatischen". Dürfen wir dann irgendwann eine Brünnhilde von Anna Prohaska erwarten? Hat Natalie Dessay irgendetwas falsch gemacht, da ja keine Elsa in Aussicht ist? Wieso hat sich in früheren Jahren aus Erika Köth keine Isolde entwickelt? Wie kommt es, dass eine der größten Sängerinnen der Vergangenheit, Frida Leider, schon als Dreißigjährige Isolde, Brünnhilde neben einer Donna Anna im Repertoire hatte? Astrid Varnay schon mit dreißig an der Met Salome, Brünnhilde und Isolde absolviert hatte? Also früher, wo doch alles besser war....

Dagegen muss man doch feststellen, dass die meisten Sängerinnen, von denen Frau Lemke-Matwey spricht, eher eine sehr sorgsame und bewusste, eben gar nicht leichtsinnige Planung betreiben, wenn sie, wie Stemme oder Denoke erst in der zweiten Hälfte ihrer Karriere dergleichen Partien angehen. Stimmentwicklung, Veranlagung, Technik - das ist alles ein so viel komplexerer Vorgang, als es Frau Lemke-Matwey - ich denke, wider besseres Wissen - zugunsten von Leserwirksamkeit und aufkosten von Differenziertheit darstellt.

Was wirklich interessant wäre, warum eine Nilsson gerade in den 50er Jahren mit ihrer enormen Strahlkraft ein Publikum begeistern konnte, das sich eventuell nach Stärke, Solidität und Unerschütterlichkeit gesehnt hat, dann aber Gwyneth Jones ein humanes Leuchten in die Partie bringen konnte, das ebenso bewegte wie die moderne psychologische Deutung - auch in stimmlicher Hinsicht - einer Hildegard Behrens. Also die Frage, ob nicht auch jedes Jahrzehnt die Brünnhilde bekommt, die sie braucht. Oder die ihm entspricht. Und ob in dieser Hinsicht nicht Angela Denoke die ideale Brünnhilde 2013 sein könnte.

Ich weiss nicht, was die Absicht von Frau Lemke-Matwey war und ist. Ich denke, dass man als Musikjournalist(in) ebenso viel Leidenschaft und Liebe zum Metier haben sollte, wie die Künstler und Künstlerinnen, über deren Interpretation man berichtet. Der "Windbräute"-Artikel schürt nur Vorurteile bei denen, die sowieso eine Verachtung gegenüber der Oper empfinden, Kopfschütteln bei denen, die die Zusammenhänge klarer erkennen und tiefe Wunden bei den hier besprochenen Sängerinnen.

Christof Loy


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